Die sogenannten Alleinerziehenden

von Torsten H. Sommer MA

 

Die Alleinerziehenden:

“Als Alleinerziehende bezeichnet man Elternteile, die minderjährige, d. h. unter 18 Jahre alte Kinder alleine betreuen und erziehen. Es handelt sich dabei um Mütter oder Väter, die ledig, verwitwet, dauernd getrennt lebend oder geschieden sind und nicht mit einem anderen Erwachsenen, jedoch mit ihrem Kind bzw. ihren Kindern in ständiger Haushaltsgemeinschaft zusammenleben (sog. Einelternfamilie).” Soviel dazu bei Wikipedia.

Klar, wenn ein Elternteil gestorben ist, dann muss das überlebende die Kinder alleine erziehen, und wenn es den verstorbenen Partner geliebt hat, dann wird es dessen Vorstellungen von Erziehung in gewisser Weise in das eigene erzieherische Wirken einfließen lassen. Aber wie sieht es mit den Ledigen, dauernd getrennt Lebenden und Geschiedenen aus? Mit welchem Recht ist denn eigentlich in diesen Fällen derjenige Elternteil, bei dem die Kinder geblieben werden, allein erziehend?

Nach deutschem Recht eigentlich nicht! Nach Art. 6 Abs. 2 GG ist die “Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern und die in erster Linie ihnen obliegende Pflicht.”* Wieso kann dann ein Elternteil für sich in Anspruch nehmen, alleine zu erziehen? “Beide Eltern sind gleichrangige Inhaber der Sorge. Sie haben diese im gegenseitigen Einvernehmen zum Wohl des Kindes auszuüben (§ 1627 Satz 1 BGB).” Allerdings wird häufig bereits die anfängliche Entscheidung darüber, bei wem die Kinder bleiben, unilateral von einem der Elternteile getroffen, was mithilfe des Gewaltschutzgesetzes ja ohne Anwalt und Richter geht. Bis es dann zu einer gerichtlichen Entscheidung darüber kommt, hat der die Kinder behaltend habende Elternteil schon so viele vollendete Tatsachen geschaffen, dass der Richter, natürlich nur das Kindeswohl im Blick, nur noch den Status Quo bestätigt. Das aus der Familie ausgeschlossene Elternteil (im Folgenden a. E. genannt) hat dazu Ja und Amen zu sagen, damit ihm nicht mithilfe des Vorwurfs mangelnder Kooperationsfähigkeit das Sorgerecht auch noch gänzlich entzogen wird. Aus Faustrecht wird Recht.

So gesehen maßen sich solche Elternteile das Sobriquet “Alleinerziehende” zu unrecht an. Ich ersetze deshalb im Folgenden diesen Begriff durch andere, um die verschiedenen Unterarten und Unarten, in denen sie in freier Wildbahn anzutreffen sind, zu charakterisieren, sofern man bei allen davon überhaupt von Charakter sprechen kann:

 

Die Alleinentziehenden

Wohl die bekannteste Subspezies, die man daran erkennt, dass sie dem a. E. den Umgang mit den Kindern mit allen Mitteln erschwert. Je nachdem, welchen Geschlechts der Alleinentziehende ist, veranlasst dies die Richter entweder zu sofortigem Sorgerechtsentzug oder zu hilflosem Achselzucken.

 

Die Alleinbeziehenden

Diese haben die Kinder vor allem deshalb an sich gerissen, weil dies den a. E. zu jahrzehntelangen Unterhaltszahlungen verdammt. Ausserdem ist man als Alleinbeziehender in Steuerklasse 2, wird von der Rundfunkgebühr befreit, bekommt finanzielle Unterstützung vom Jugendamt, von der ARGE, Wohngeld, den Familienpass, und Vorzug bei der Vergabe von Kindergarten- und Studienplätzen. Alleinbeziehende fordern vom a. E. Rechenschaft über jeden Cent seines Einkommens und seiner Steuerrückerstattungen. Die mit dem a. E. gemeinsam gemachte Schulden müssen die Alleinbeziehenden nicht bezahlen, da Unterhalt, Kindergeld und Erziehungsgeld nicht als Einkommen zählen. Trotz alledem spielen Alleinbeziehende vor aller Welt die Hilfsbedürftigenkarte aus, wodurch sie von vielen gutmütigen Ahnungslosen noch zusätzliche Leistungen unterschiedlichster Art beziehen.
 

Die Alleinentfliehenden

Sie sind eine Sub-subspezies der vorangegangenen, da sie in ihren Kindern zwar ebenfalls die Goldesel sehen, aber sonst nicht viel mit ihnen zu tun haben wollen. Alleinentfliehende finden vielfältige Gründe, warum sie sich nicht um die Kinder sorgen können, für deren Sorge sie kassieren: Studium, Krankheit, neue Beziehungen, Freunde, Feste, und die Tatsache, dass sie ja noch viel zu jung seien, um sich nur um Kinder zu kümmern. Das Jugendamt zahlt studierenden Alleinentfliehenden die ganztägige Kinderbetreuung. Und Babysitter, die den ach so belasteten “Alleinerziehenden” mal ein paar Stunden Erholung von den Kindern gönnen wollen, finden sie immer. Wenn es gar nicht anders geht, werden die Kinder zu Oma, Opa und zum Sportverein abgeschoben. Das man ausserdem den a. E. nach Kräften “in die Pflicht” nimmt, versteht sich von selbst.

 

Die Alleinumherziehenden

Sehr nahe verwandt den Alleinentfliehenden, nur dass bei ihnen sich die Motivation fürs Entfliehen aus dem Wunsch der 14-jährigen nährt, nach zahlreichen Versuchen endlich den idealen Partner zu finden. Oft sind sie daran zu erkennen, dass ihre Kinder nicht nur einen a. E. haben, und die Kinder sich allmählich daran gewöhnen, dass Live-In-Daddies häufig wechseln.

 

Die Alleinverziehenden

Diese halten sich für das bessere Elternteil, obwohl sie entweder nichts von Erziehung verstehen, oder ihnen die Erziehung gleichgültig ist, oder beides. Im schlimmsten Fall versuchen sie, aus ihren Kindern so jemanden zu machen, wie sie es selbst sind. Sie entscheiden selbstredend und -herrlich stets alleine über alle Erziehungsfragen, und verwenden jeden Versuch des a. E., seiner Erziehungspflicht nachzukommen, als Indiz dafür, dass dieser zum Konsens in der Erziehung unfähig sei, und ihm deshalb das Sorgerecht entzogen werden müsse. Erst wenn sie mit dem völlig aus der Bahn geratenen 16-jährigen Kind nicht mehr fertig werden, erinnern sie sich und den a. E. jäh an dessen Erziehungspflicht.

 

Die Alleinheranziehenden

Sie ziehen alles und jeden heran, um glaubhaft zu machen, wie abträglich der a. E. für das Kindeswohl sei: das Jugendamt, psychologische Gutachter, die Polizei, Nachbarn, Verwandte, Freunde, Erzieher und Lehrer. Meist bereiten Alleinheranziehende ihr Vorgehen von langer Hand vor, und der bis dahin völlig arg- und ahnungslose a. E. geht unter in der jähen Flut aus Unterstellungen und Verleumdungen.

 

Die Alleindavonziehenden

Der Nicht-ohne-meine-Tochter-Typ, der je nach Geschlecht und kulturellem Hintergrund entweder als Kindesentführer gejagt oder als Held des Kindeswohls gefeiert wird. Als Ziele für das Alleinedavonziehen empfehlen sich Staaten, die nicht dem “Haager Abkommen über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführung” beigetreten sind.

 

Die Alleinüberziehenden

Diese sind meist die a. E., da sie neben irrwitzig hohen Unterhaltsverpflichtungen häufig auch noch die durch Ehe und Kinder und die oft von ihnen nicht gewollte Trennung entstandene Schulden abstottern dürfen. Alleinbeziehende hingegen haben ja, wie wir uns erinnern, kein Einkommen. Das Recht, jahrzehntelang zu zahlen, ist meist das einzige Recht, das ihnen niemand verwehrt.

 

Torsten H. Sommer MA

 

Alle Zitate, soweit nicht anders gekennzeichnet sind aus Schnitzler, K. (Hrsg.) 2008. Münchener AnwaltsHandbuch Familienrecht. München: Verlag C. H. Beck.

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