Petra Studie soll wohl Wechselmodell torpedieren

Kommentar zum Artikel „Viele Eltern können sich das Wechselmodell nicht leisten“ von Parvin Sadigh, erschienen am 19.06.2017 auf „ZeitOnline“

Frau Sadigh führte ein Interview mit Dr. Rücker von der Universität Bremen, dem Leiter der Forschungsgruppe Petra, die im Auftrag des Bundesfamilienministeriums derzeit untersucht, wie es Kindern nach Trennung oder Scheidung der Eltern in unterschiedlichen Betreuungsmodellen geht, damit Umgangsregelungen stärker am Wohl den Kindes orientiert werden können.

Schon der Titel macht klar, in welche Richtung es geht. Das Wechselmodell ist einfach zu teuer. Eigentlich könnte man an der Stelle schon aufhören weiter nachzudenken, geht es doch fast immer wenn das Wohl von Kinder vorgeschoben wird letztendlich (auch) um Geld.

Zunächst erklärt Dr. Rücker, man müsse differenzieren: „Wenn zum Beispiel ein Elternteil unter körperlicher Gewalt des anderen gelitten hat, ist das Wechselmodell sicher nicht im Sinne des Kindeswohls. …  Oder stellen Sie sich vor, ein Elternteil ist emotional sehr distanziert.“ Alles Gründe gegen das Wechselmodell! Was muss dann da differenziert werden? Hier scheinen wohl ausschließlich Gründe gegen das Wechselmodell gesammelt zu werden.

Dr. Rücker als Psychologe und Frau Sadigh als Literaturwissenschaftlerin schwadronieren dann über Kosten in einem Wechselmodell, Unterhaltsrecht usw. Man darf gespannt sein. Frau Sadigh beantwortet ihre zweite Frage „Wie fair ist das Wechselmodell eigentlich?“ dann, möglicherweise in der Annahme ihr Gesprächspartner könne sie mangels einschlägiger Qualifikation sowieso nicht beantworten, direkt mit folgenden Feststellungen selbst: „Der Besserverdienende muss keinen Unterhalt mehr zahlen, beide Elternteile brauchen aber eine relativ große Wohnung, um die Kinder bei sich zu haben. Wenn etwa die Mutter – meistens ist das ja noch so – auf ihre Karriere verzichtet hat, fällt sie in Armut und hat trotzdem hohe Mietkosten zu tragen.“

Für eine fragende Journalistin nimmt sie da einiges an „Information“ vorweg und offenbart so ihre breite Unkenntnis der Rechts- und Sachlage. Natürlich muss im Wechselmodell der Besserverdienende weiterhin Unterhalt zahlen, das ergibt sich ganz klar aus der aktuellen BGH-Rechtsprechung. Auch im Residenzmodell brauchen beide Eltern in der Regel eine größere Wohnung, oder wie soll sonst der Umgang mit dem Kind sichergestellt werden? Natürlich zahlt im Residenzmodell der Unterhaltspflichtige das Zimmer des Kindes beim betreuenden Elternteil und zusätzlich das Zimmer des Kindes in seiner eigenen Wohnung. Anders wäre es ja auch „unfair“, nicht wahr Frau Sadigh, denn die Mutter hat ja üblicherweise auf ihre Karriere verzichtet und muss nun wenigstens fairerweise über den Unterhalt profitieren. Bei weitem nicht jede Mutter verzichtet aber wegen der Kinder auf Karriere. Die wenigsten Mütter hätten Karriere gemacht, genauso wie das die wenigsten Väter tun. Liegt nicht gerade ein Karrierehemmnis für Mütter darin, dass sie die Kinder hauptsächlich betreuen müssen? Und hätten nicht Mütter, die sich die Betreuung der Kinder mit dem Vater teilen, bessere Erwerbs- und möglicherweise sogar Karrieremöglichkeiten? Dieser Gedanke kommt den beiden Gesprächspartnern offensichtlich nicht.

Dann wendet sich das Gespräch den Kindern zu. Dr. Rücker gibt einige Beispiele wie man Kindern klar macht, was bei der Trennung gerade abläuft „Mama hat sich neu verliebt, Papa hat Mama belogen. Aber du bist nicht schuld.“ Oder eben für Jugendliche „Papa hat Mama betrogen, das war doof. Aber für mich ist er immer noch ein guter Vater.“ Ist es Zufall, dass hier grundsätzlich dem Vater das destruktive Handeln zugeschrieben wird. Dr. Rücker ist schließlich Psychologe und man kann davon ausgehen, dass er seine Worte mit Bedacht setzt.

Aber was sind das nach Meinung von Dr. Rücker eigentlich für Eltern, die das Wechselmodell trotz all dieser Widrigkeiten befürworten, ja sogar einfordern? Es sei ja „grundsätzlich legitim für sein Kind zu kämpfen“ aber schwierig, „wenn etwa schon das vierte Verfahren angestrengt wird, um das beschädigte Selbst zu reparieren und dem anderen wehzutun.“ Häufiger wären das Väter (aber auch Mütter), die 60 Stunden arbeiten und gar nicht wissen, wie anstrengend die Kinderbetreuung ist. Also hauptsächlich kaputte Existenzen, die keine Vorstellung davon haben, was alleinerziehende Elternteile leisten. Das können nur die Alleinerziehenden selbst ermessen und die Heerscharen ihrer Unterstützer im immerwährenden Kampf gegen die verantwortungslosen und unverschämten Unterhaltspflichtigen.

Ich beende an dieser Stelle mal das Trauerspiel um die Diffamierung von Eltern, die nicht nur die volle finanzielle Verantwortung für ihre Kinder tragen, sondern sich gern in das Leben ihrer Kinder einbringen wollen und darum womöglich vergeblich kämpfen, weil die Kinder nun mal beim streit- und rachsüchtigen Expartner zu leben haben, der ihnen eben das verwehrt.

Was ist nun von dieser vom Familienministerium noch unter Leitung von Frau Manuela Schwesig (SPD) in Auftrag gegebenen Studie zu erwarten? Mütter hätten zunächst gefürchtet, man wolle ihnen mit der Studie durch das Wechselmodell die Kinder wegnehmen. Diese Mütter wird man nun beruhigen können, gerade noch rechtzeitig vor der Bundestagswahl. Der Auftrag scheint klar. Es wird wohl herauskommen, dass Kinder im Wechselmodell leben können, wenn die Mutter das möchte. Möchte die Mutter es aber nicht, sollte man vermutlich nach Erkenntnissen von Dr. Rücker zum Wohle der Kinder davon absehen, auch wenn man das dafür im Einzelfall begründen muss. So schnell kann man Väter, sollte denn wirklich jemand jemals über diese seltsame Studie gejubelt haben, wieder auf den kalten Kerkerboden deutschen Familienrechts zurückholen.

Herr Dr. Rücker, sollte Ihre Studie so qualifiziert sein, wie es in diesem Interview vermittelt wird, dann taugt sie wohl kaum als Basis für die dringend notwendigen Gesetzesänderungen im Umgangsrecht, sondern ist sie eher ein Fall für den Bundesrechnungshof. Insofern hoffe ich dringend, dass Sie die von Ihnen geforderte Differenzierung mit der gebotenen Objektivität auch in Ihrer eigenen Arbeit einbringen.

Wer jetzt trotzdem noch Interesse hat den Artikel zu lesen kann das hier tun:

http://www.zeit.de/gesellschaft/familie/2017-06/scheidung-trennung-kinder-eltern-wechselmodell

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