Ist die Männlichkeit in der Krise? Männer haben nie Probleme?

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in der ersten Reihe von rechts nach links: André Rossnagel, Matthias Becker, Klaus John, Jörg Langanke

Immer mehr Männer und Väter bekennen sich zu ihren Problemen und dazu nicht immer “stark” zu sein. Der Männerbeauftragte der Stadt Nürnberg, Matthias Becker, als bisher erster einer Stadt in Deutschland, bietet für Männer und Väter seit Ende 2016 Hilfestellung und Beratungen an. Typische Themen sind dabei  Konflikte am Arbeitsplatz, Trennung/Scheidung, Gesundheit, Vatersein und Vaterwerden, Partnerschaft und Gewalterfahrungen. Er berichtete am Montag, den 23. April 2018 in Stein auf Einladung des Väter-Netzwerk e.V.  von seiner Arbeit.

Einführend wies Herr John vom Väter-Netzwerk e.V. auf den großen Bedarf an Hilfeleistungen auch für Männer und Jungs in der Gesellschaft hin. Statistisch bestätigt sei, dass Männer häufiger arbeitslos, straffällig, drogenabhängig, von Krankheit betroffen, nach einer Scheidung vom Kind sehr viel häufiger getrennt werden, im Durchschnitt 5 bis 6 Jahre kürzer als Frauen leben und auch häufiger Suizid begehen. Schon Jungs seien in der Schule benachteiligt, lesen und schreiben schlechter, haben im Durchschnitt die schlechteren Noten als Mädchen, sind als Jugendliche auch häufiger drogenabhängig, häufiger gewalttätig oder haben häufiger selbst Gewalt erfahren.

“Deswegen sind vor allem Jungenförderung und Männerberatungsstellen, genauso wichtig wie Mädchenförderung und Frauenberatungsstellen und die Zielgruppe Jungen und Männer darf von den Politikern, besonders in den Kommunen, nicht vernachlässigt werden. Diese Förder- und Hilfsprogramme für Jungs und Männer/Väter sollten nicht zu Lasten der Mädchen- und Frauenförderung gehen, sondern müssen zusätzlich eingerichtet werden.”, so John.

Herr Becker bestätigte diesen “großen Bedarf” an Jungenförderung und Männerhilfen und -beratung.

Herr Becker ist seit Ende 2016 als Ansprechpartner für Männer und Väter in der Stadt Nürnberg tätig. Seine Arbeit wurde 1 Jahr wissenschaftlich begleitet. “Selbst der OB Dr. Maly war von der Vielzahl der Probleme und dem Beratungsbedarf von Männern sehr überrascht, als er die Ergebnisse der Studie zur Kenntnis bekam. Deswegen ist meine Stelle nun auch unbefristet eingerichtet.”, so Becker.

Die Themen seiner Arbeit seien z.B. Vaterwerden und Vatersein, Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Beratung bei Scheidung/Trennung, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder bei Arbeitslosigkeit, Mobbing bei der Arbeit oder in der Partnerschaft, Gewalterfahrung in der Partnerschaft, sexualisierte Gewalterfahrung, wie z.B. im Fall der Regensburger Domspatzen, Opferschutz für Männer, Gesundheitsthemen, Depression, Burn-out und Täterberatung.

In seiner Arbeit ginge es Herrn Becker in erster Linie darum, die Wahrnehmung der Politik und Gesellschaft für die Probleme der Jungen und Männer zu schärfen, zu enttabuisieren, darüber aufzuklären, zu informieren, konkret zu beraten und Aktivitäten zu vernetzen, um auch strukturelle Diskriminierungen des männlichen Geschlechts abzubauen.  “Denn man darf nicht ausblenden,” so Becker “dass in einer patriarchalen Gesellschaft einige wenige Männer nicht nur Frauen, sondern auch die meisten Männer beherrschen.”

Seine Arbeit werde als Querschnittsaufgabe in der Stadt Nürnberg gesehen. So unterstütze er z.B. männliche Bewerbungen bei Kitas, mehr Teilzeitarbeit und Elternzeit für Männer, setze sich für Jungen und Männer ein, die selbst Opfer von sexualisierter oder anderer Gewalt geworden sind, arbeitet mit Schulen und anderen Bildungseinrichtungen zusammen, vernetze sich mit allen relevanten Ämtern, wie z.B. Jugend-, Gesundheit-, Einwohner-, Personalamt, arbeite mit männlichen Flüchtlingen zusammen und wirke mit bei der Umsetzung des Aktionsplans für Gleichstellung der Stadt Nürnberg.

Deswegen sei es ihm auch wichtig, sich für ein positives Männerbild einzusetzen, was nicht an Stärke, Macht, Potenz, Arbeit und Gehalt, Unterdrückung und Gewalt orientiert ist, sondern an Kooperationsfähigkeit und Zusammenarbeit, Respekt, Frieden und Humanität. Der Wandel in der Arbeitswelt und der Generationswechsel bieten dazu Chancen, ein positives Männerbild im Bewusstsein aller Menschen zu schaffen.

Auch Regierungsrat Herr Stephan Thirmeyer vom Landkreis Fürth war von der Notwendigkeit der Jungenförderung und Männer-Hilfsangeboten überzeugt und sicherte zu, mit Herrn Landrat Dießl und den zuständigen Ämtern und Gremien im Landratsamt über Angebote für Jungenförderung und Männerberatung zu sprechen. Herr Andre Rossnagel vom Väter-Netzwerk e.V. regte an, einen “Runden Tisch” für die Probleme der Jungen, Männer und Väter auch im Landkreis Fürth zu installieren, ähnlich dem  in Nürnberg wo auch das Jugendamt beteiligt ist. So könnte auch im Landkreis Fürth adäquat auf die Probleme der Männer  eingegangen werden.

Herr Becker wünschte sich eine größere Wahrnehmung der vielfältigen Schwierigkeiten von Männern und Vätern durch die politischen Vertreter und weiteres Personal, das sich wie er um die Belange der Jungs, Väter und Männer kümmern kann.

Herr John schloss die Veranstaltung mit der Feststellung ab, dass die auf seine persönliche Anregung im Stadtrat von Nürnberg installierte Position des Männerbeauftragten “nicht besser” als mit Herrn Becker hätte besetzt werden können.

Mit freundlichen Grüßen
Klaus John, Väter-Netzwerk e.V.

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